Was uns zusammenhält: Die historische Stadtmauer

Fast 900 Jahre alt und jeden Tag bei Wind und Wetter im Einsatz für Stadt Blankenberg: Das ist sie, die altehrwürdige Befestigungsmauer, die den Ort umgibt. Sie hat sich eine kleine Wellness-Kur redlich verdient. Das Motto: Fit machen für die nächsten 900 Jahre.

Sie ist eines der Markenzeichen von Stadt Blankenberg und neben der Burganlage und den beiden Stadttürmen ein Sinnbild für die Wehrhaftigkeit dieser historischen Höhensiedlung: die Stadtmauer. Wie sollte es anders sein: Seit Ihrer Errichtung in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts hat der Zahn der Zeit kräftig an ihr genagt. Und wenn’s nur das wäre: Einzelne Abschnitte wurden über die Jahrhunderte zweckentfremdet, an manchen Stellen wurde ergänzt, anderswo der ein oder andere Stein als schnell verfügbares Baumaterial herausgebrochen. Und wo es auf die Schnelle nötig war, ist sie auch durchaus mal geflickt worden – häufig aber mehr schlecht als recht. Höchste Zeit, nicht nur für eine Bestandsaufnahme, sondern auch für einen Plan, mit welchen Maßnahmen die Stadtmauer nun im Rahmen der Regionale 2025 auch in Zukunft das Bauwerk sein kann, das die Stadt Blankenberger im wörtlichen Sinn zusammenhält.

Desolate Mauerkrone
Desolate Mauerkrone
Übersichtsplan Stadt Blankenberg. Gliederung der historischen Stadtmaueranlage in Großabschnitte und Teilstücke. © Abbildung: Sandner Architekten
Übersichtsplan Stadt Blankenberg. Gliederung der historischen Stadtmaueranlage in Großabschnitte und Teilstücke. © Abbildung: Sandner Architekten
Handlungsbedarfsstufen für die 28 Einzelmaßnahmen an der Stadtmauer Blankenberg. © Abbildung: Sandner Architekten
Handlungsbedarfsstufen für die 28 Einzelmaßnahmen an der Stadtmauer Blankenberg. © Abbildung: Sandner Architekten

Es geht an die Substanz

„Erhalten und Sanieren“, das ist die wesentliche Aufgabenstellung, mit der das Projekt Stadtmauer seit 2017 angegangen wird. Dabei rückte das beauftragte Architekturbüro auch mit schwerem Gerät an, um den alten Steinen auf den Zahn zu fühlen: Mit Hämmern und Meißeln wurden Gesteinsproben genommen, an mehreren Stellen per Bagger die Fundamente freigelegt. Es wurde ge- und vermessen, Neigungswinkel festgehalten und geprüft, wo Wurzeln der historischen Bausubstanz zusetzen. Und dann kam der Bohrer. Aber nicht irgendeiner, sondern ein Kernbohrer mit Diamant-Krone, der sich 50 bis 400 cm tief ins Mauerwerk fraß. Autsch!

Kernbohrverfahren mittels Diamant-Hohlbohrkrone und Bohrlafette.
Kernbohrverfahren mittels Diamant-Hohlbohrkrone und Bohrlafette.

Schritt für Schritt fitmachen

Mittlerweile hat die historische Stadtmauer so gut wie keine Geheimnisse mehr: Sie, oder besser ihre Querschnitte, sind an rund 400 Stellen „durchschaut“, das gesamte Bauwerk mit seinen rund 1.500 Metern Länge und 13.600 Quadratmetern Fläche in 5 Bauabschnitte eingeteilt. Das Sanierungskonzept steht, die Restaurierung kann beginnen – und zwar strikt nach Handlungsbedarf (sofort/dringend bis niedrig) und in insgesamt 28 Einzelmaßnahmen an unterschiedlichen Stellen.

Manuelle Schadenserfassung mithilfe der orthofotogrammetrischen Bildpläne. © Abbildung: Sandner Architekten
Manuelle Schadenserfassung mithilfe der orthofotogrammetrischen Bildpläne. © Abbildung: Sandner Architekten

Die wichtigsten Arbeiten:

1. Fundamente Die Fundamente müssen an neuralgischen Stellen gefestigt werden. Lose Steine müssen ersetzt bzw. wieder fest und sicher eingefügt werden. Auch muss die Tiefe der Mauer im Boden („Einlassung“) häufig erhöht werden, oft dadurch dass Boden, der über die Jahrhunderte abgetragen worden ist, neu aufgeschüttet wird.

Untersuchung der Mauerwerkseinbindung in das Erdreich durch den Statiker.
Untersuchung der Mauerwerkseinbindung in das Erdreich durch den Statiker.

2. Mauerwerk Die Mauer selbst ist an vielen Stellen schadhaft und muss mehr oder weniger stark ausgebessert werden: Lockere Steine müssen fest eingefügt werden, ganze Mauerabschnitte neu verfugt, Mörtel und Putz erneuert werden. Und wenn besagte Stellen nicht so ohne weiteres zu erreichen sind? Dann kann es durchaus notwendig sein, obere Schichten des Mauerwerks schichtweise und Stein für Stein abzutragen – und nach der Ausbesserung entsprechend wieder neu zusammenzufügen. Dabei ist natürlich darauf zu achten, dass sich ablaufendes Regenwasser nicht aufs Neue seinen Weg ins Mauerwerk bahnen kann – gute Versiegelung ist auf lange Sicht das A und O einer gelungenen Restaurierung.

3. Korrekturen Pfusch am Bau – die Horrorvorstellung eines jeden Bauherren. Aber da kommt über Hunderte von Jahren so einiges zusammen. Und dazu noch all die zwischenzeitlichen „Reparaturen“, die oft nur Stückwerk geblieben sind und für die wie so oft gilt: Gut gemeint ist nicht auch gut gemacht. Kurz und gut: Auch hier gibt es jede Menge „Wunden“, die freigelegt, gesäubert und mit Steinen, Mörtel und diversen Injektionen verarztet werden müssen.

4. Befreiung Die Natur nimmt sich was sie kriegen kann – und untergräbt nicht selten still und heimlich das vom Menschen Gebaute. Da heißt es: Machete – oder zumindest die Heckenschere – zücken und massiv die wuchernde Fauna in ihre Grenzen weisen. Ist das „Grünzeug“ erstmal weg, zeigt sich oft noch so manch andere Schadstelle. Und weil Pflanzen sich nicht nur überirdisch ihren Weg bahnen, sondern auch unterirdisch, gilt es, auch das Wurzelwerk zu zähmen, für das auch ein noch so starkes Gemäuer auf Dauer kein Hindernis darstellt.

5. Wege Stark abschüssige Böschungen, bei Regen rutschig und glitschig, die weder Mensch noch Mauer mehr richtigen Halt bieten. Treppen, die zwar keine Schraube aber so manche Steinstufe locker haben. Gebüsche, die nicht nur die Stadtmauer sondern auch einige Trampelpfade an ihrem Fuß überwuchern. Hier werden Wege gesichert, neu aufgeschüttet, verdichtet und verbreitert – denn nicht nur jede Mauersanierung sondern auch jeder Mauerrundgang fängt mit einem ersten Schritt an. Und der sollte auf sicherem Untergrund gemacht werden können.